Finanzialisierung leicht erklärt: Und die Kuh sagt Muh dazu!

Kuh auf der Weide

Finanzialisierung erklärt am Beispiel von Kühen

In einer Finanzialisierung wird von den Finanzmärkten auf quasi künstliche Weise Kapital erschaffen. Die folgende Geschichte verdeutlicht dies auf eine leicht verständliche Weise.

Es war einmal ein Mann, der fuhr eines Tages übers Land und überlegte sich wieder einmal, wie er noch reicher werden könne. Als er auf einer Weide Kühe sah, die das taten was sie immer tun, nämlich fressen, kacken und dämlich kucken, kam ihm eine Idee. Mit diesen offensichtlich dummen Rindviechern ließe sich doch ein prima Geschäft machen. Aber natürlich wollte er sich dabei nicht die Finger schmutzig machen, zumindest nicht an den Kühen. Er hatte einen völlig anderen Plan.

Der Rinderpreis-Boom

Voller Freude über seinen genialen Business-Plan fuhr er in das nächste Dorf und bot jedem Bauern tausend Euro pro Rind. Die Dorfbewohner staunten nicht schlecht über den merkwürdigen Mann. Sie verkauften ihm ihre alten Kühe und steckten schmunzelnd das Geld ein.

Am nächsten Tag fuhr der Investor wieder in das Kuhdorf. Heute bot er den Rinderzüchtern fünfzehnhundert Euro für jedes Stück Vieh. Die Bauern freuten sich, zumindest die, die am gestrigen Tage noch keine ihrer Kühe verkauft hatten. Begeistert von der Preissteigerung verkauften nun die meisten Dorfbewohner ihre Rinder und freuten sich über ihren wachsenden Wohlstand.

Am dritten Tag bot der Mann unglaubliche zweitausend Euro für jedes Rindvieh. Wie elektrisiert rannten die Viehzüchter los, um ihre restlichen Tiere einzusammeln. Sie hätten nie geglaubt so viel Geld verdienen zu können. Sie hatten jetzt zwar keine Rinder mehr, aber dafür jede Menge Penunzen.

Nachdem der Investor alle Kühe, Ochsen, Bullen und Kälber im Dorf aufgekauft hatte, kündigte er an, nächste Woche wiederzukommen und diesmal fünftausend Euro pro Tier zu zahlen. Die Bauern dachten sie hätten ein gutes Geschäft gemacht und nun das. Sie ärgerten sich, sie hatten zu früh verkauft. Sie hätten noch mehr Gewinn machen können, aber nun hatten sie keine Rinder mehr.

Das Insidergeschäft

Doch sie hatten riesiges Glück, so dachten sie zumindest, denn es kam ein Mann in ihr Dorf, der ihnen Rinder verkaufen wollte. Wenn sie ihm alle die er dabei hatte abkaufen würden, könne er sie ihnen für viertausend Euro pro Stück geben, meinte der Händler. Wow, sind die Preise schon wieder gestiegen, dachten die Viehzüchter.

Sie wussten nicht, dass dieser Mann der Geschäftspartner des Investors war, der ihnen ihre eigenen Rindviecher verkaufen wollte. Davon merkten die Bauern in ihrem Boomrausch aber nichts, sie kauften ihm alle Tiere ab. Da sie aber nicht genug Geld hatten, mussten sie sich welches leihen. Kein Problem, dachten sie, denn nächste Woche konnten sie ja ihre Schulden mit Zinsen zurückzahlen und dazu einen satten Gewinn einstreichen.

Der Rinderpreis-Crash

Der Investor und sein Partner kamen natürlich nicht wieder, sie flogen erst mal in Urlaub, um sich von ihrem anstrengenden Geschäft zu erholen. Sie hatten richtig viel Geld verdient und wollten jetzt ihren Spass haben. Den hatten die Rinderzüchter allerdings nicht. Der Mann war nicht gekommen um ihnen ihre Tiere abzukaufen und der Preis für Rinder war total abgestürzt.

Sie hatten zwar ihre Herden wieder, die waren aber so gut wie nichts mehr Wert. Sie konnten keine Rinder verkaufen, ohne riesige Verluste zu machen. Das Schlimmste von allem jedoch war, dass sie einen völlig überzogenen Preis für die Tiere bezahlt hatten und das entsetzlicherweise auch noch mit Hilfe von Schulden.

Die Viehzüchter wussten nicht, wie sie ihre Schulden zurückzahlen sollten. Die Preise für Rinder waren absolut am Boden. Keiner wollte mehr Bauernhöfe, die waren auch nichts mehr Wert. Sie waren total ruiniert. Die Bauern arbeiteten Tag und Nacht um den Geldverleihern ihre Schulden mit Zinsen zurückzahlen zu können. Sie verkauften alles was sie zur Not nicht brauchten, aber es reichte trotzdem nicht.

Bankencrash und das Rettungspaket

Die Leute, die ihnen das Geld geliehen hatten, wollten aber ihr Geld zurück. Sie sagten zum Bürgermeister, wenn sie ihr Geld nicht zurückbekämen wären sie ruiniert und dann könnten sie keinem mehr Geld leihen. Damit wären nicht nur sie, sondern die gesamte Gemeinde ruiniert. Um das zu verhindern, gab der Bürgermeister den Geldverleihern eine große Summe Geld.

Da der Bürgermeister aber statt den Rinderzüchtern den Geldverleihern geholfen hatte, mussten diese immer noch ihre Schulden zurückzahlen. Denn obwohl die Banken den größten Teil der Schuldensumme der Dorfbewohner vom Rathaus bekommen hatten, erließen sie den Bauern ihre Schulden nicht.

Die Geldverleiher wollten trotzdem ihr Geld zurück haben. Sie nahmen den Bauern, als sie nicht mehr zahlen konnten, ihre Rinder weg und manchen auch noch ihre Höfe. Einige der Dorfbewohner konnten ihr schweres Schicksal nicht ertragen und wählten einen sehr traurigen Ausweg.

Staatsbankrott und Sparpakete

Das Dorf war durch die Hilfszahlungen an die Geldverleiher auch sehr hoch verschuldet und im Grunde genauso ruiniert wie die Bauern. Der Bürgermeister bat um Hilfe bei anderen Gemeinden, doch die wollten nicht helfen. Sie sagten, einer Gemeinde, die so hoch verschuldet sei, könne man kein Geld leihen, denn die könnten das ja nie zurückzahlen. Sie sollten erst einmal selbst etwas gegen ihren Ruin unternehmen.

Um das Dorf zu retten musste der Bürgermeister nun überall Gelder kürzen und sparen wo er nur konnte. Sein Sparpaket bestand aus drei wesentlichen Maßnahmen: Er erhöhte die Steuern, er lies das Krankenhaus, das Altersheim und die Schule schließen und er kürzte die Gehälter seiner Beamten um zwei Drittel. Alle waren entsetzt, der Bürgermeister war zu einem Ungeheuer geworden und sie selbst und das ganze Dorf waren komplett ruiniert.

Meeting der Finanzmafia

Die Geldverleiher, die ihre Gewinne eingefahren hatten, und der reich gewordene Investor mit seinem Partner trafen sich zu einem Gläschen Champus. Sie saßen lachend auf einer ihrer Yachten und sinnierten darüber, wie einfach es doch sei Milliardär zu werden, wenn man nur skrupellos genug sei.

…und so funktioniert der Finanzmarkt-Kapitalismus (Finanzialisierung)!

So, oder so ähnlich, soll es sich seinerzeit zugetragen haben. Es gibt allerdings noch ein Gerücht das besagt, dass der Investor am Ende doch noch in das Dorf zurückgekommen sei. Aber er wollte von den Bauern keine Rinder mehr kaufen, die hatten ja eh nichts mehr, er kaufte gleich das ganze Dorf. Dann habe er die restlichen Bewohner einfach rausgeschmissen und das Dorf als Endlager für Sondermüll verwendet.

Die Anregung zu dieser Geschichte über Finanzialisierung kommt von Ricardo L., Journalist von Uhupardo

Das Original gibts auf rolandrausch.de

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Roland Rausch
Durch meine Ausbildungen zum Mechaniker und technischen Kaufmann, meiner Tätigkeit als Betriebsleiter und der Selbstständigkeit mit einem kleinen Handwerkbetrieb, glaubte ich etwas von Wirtschaft und Finanzen zu verstehen. Nun ja, ich verstand schon etwas von dem ökonomischen Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage, von Banken, Buchhaltung oder Bilanzen. Aber als mit dem Immobiliencrash in den USA 2007 die Finanzkrise begann und ich anfing mich näher mit den Finanzmärkten zu beschäftigen wurde mir klar, dass ich eigentlich so gut wie nichts über das große Spiel in der Finanzwelt und das Geldsystem selbst wusste. Ich wollte mehr erfahren. Licht ins Dunkle brachte dann Bernd Senf. Meine Erkenntnisse der letzten Jahre haben mein Leben verändert. Dieses perfide System verstanden und mein Bewusstsein in diese Richtung erweitert zu haben, versetzt mich heute dazu in die Lage, hinter die Kulissen von Finanz, Wirtschaft und Politik zu blicken.

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