„Amerika ist zurück“: Ein Satz, der wie ein Triumph klingt – und doch wie eine Diagnose wirkt. Denn was „zurückkehrt“, ist nicht bloß eine Person im Amt, nicht einmal nur eine politische Richtung. Zurück kehrt ein Stil, der Demokratie nicht mit dem Vorschlaghammer abschafft, sondern sie von innen zur Kulisse umdekoriert: Macht als Show, Recht als Requisite, Institutionen als Statisten. In dieser Logik wird Politik zur Vertragsverhandlung – und Loyalität zur Währung. „Ich mache nur Geschäfte mit Leuten, die ich mag“ ist als Haltung keine Schrulle, sondern ein Systemfehler. Denn in einer Republik gelten Regeln nicht, weil man jemanden mag, sondern gerade dann, wenn man ihn nicht mag. Der Rechtsstaat ist das System, das unsere Launen überlebt. Wenn Laune zur Leitidee wird, ist nicht „Amerika zurück“, sondern die Willkür im Anzug.
Was 2026 so beunruhigend macht, ist die neue Selbstverständlichkeit, mit der Umwertung betrieben wird. Verwaltungsstopp, Regulierungsfreeze, Kürzungen bei Hilfen: Das wird als „gesunder Menschenverstand“ etikettiert – als würde Komplexität nicht zur Realität gehören, sondern zur Verschwörung. Dabei ist moderne Staatlichkeit kompliziert, weil moderne Wirklichkeit kompliziert ist: Gesundheit, Klima, Infrastruktur, Migration, Bildung. Das sind keine Reality-TV-Formate, die man mit einer Catchphrase abmoderiert. Wer suggeriert, man könne mit einem Satz – „Zölle machen euch reich“, „CO₂ ist Betrug“, „Ich hatte mit allem recht“ – eine Welt lenken, verkauft keine Politik. Er verkauft Erlösung. Und Erlösung ist im politischen Raum selten ein Geschenk; sie ist fast immer ein Preiszettel.
Wenn Aura die Institution ersetzt
Die gefährlichste Verschiebung passiert nicht in Paragrafen, sondern in Köpfen. Der Moment, in dem eine politische Figur als „Auserwählter“ gelesen wird, ist der Moment, in dem Kritik ihre Zähne verliert. Einen Präsidenten kann man kritisieren, abwählen, verklagen. Einen Messias nicht. Ein Messias ist per Definition jenseits der Prüfung. Wenn Politik jenseits der Prüfung gerät, wird Loyalität zur Tugend und Widerspruch zur Sünde.
Genau deshalb passt die sakrale Immunisierung so perfekt zur ökonomischen Immunisierung: der Schutzraum einer neuen Oligarchie, die nicht mehr nur „Einfluss“ will, sondern Regelsetzung. Wenn die Mächtigen nicht am Rand stehen, sondern die Scharniere der Macht sind, wird Demokratie zum Designproblem. Wer den Algorithmus kontrolliert, kontrolliert nicht nur Reichweite – er kontrolliert Wirklichkeit. Europa stört dabei aus einem simplen Grund: Regulierung ist in dieser Welt keine demokratische Selbstbindung, sondern ein Angriff auf Beute. Europa ist ihnen nicht zu liberal – es ist ihnen zu unbestechlich, weil es überhaupt noch versucht, Grenzen zu ziehen.
Zölle, „Beautiful“-Gesetze und die Ökonomie der Kränkung
Die ökonomische Erzählung funktioniert seit Jahren nach derselben Grammatik: Kränkung wird in Politik übersetzt, und Politik wird als Rache auf dem Weltmarkt verkauft. „Wir belegen andere Länder mit Zöllen … für euren Wohlstand“ klingt nach Schutz, ist aber oft Sündenbock-Mechanik mit Zolltarifnummer: Wenn dein Leben teuer ist, muss jemand anders schuld sein – Europa, China, Migranten, „die Elite“, Medien, Universitäten. Der Nebeneffekt ist eine dauerhafte Nervosität in Handel und Preisen – und die Rechnung landet nicht in den Wolken, sondern im Einkaufswagen.
Parallel dazu wird Gesetzgebung selbst zur Werbesprache. Ein riesiges Steuer- und Ausgabenpaket wird nicht über Gerechtigkeit oder Prioritäten begründet, sondern über Schönheit: „One Big Beautiful Bill“. Der Name ist der Trick. Schönheit ersetzt Begründung. Wer „beautiful“ sagt, will keine Debatte über Verteilung – und genau diese Debatte wäre 2026 zwingend. Denn der Akt ist real und offiziell: Er wurde am 4. Juli 2025 als Bundesgesetz unterzeichnet und wirkt bis in die Steuerregeln hinein.
Und hier wird die Empörung zwingend, weil sie logisch wird: Unten wächst Unsicherheit, oben wächst Inszenierung. Es ist nicht die Existenz von Reichtum, die moralisch schmerzt – es ist die Gleichzeitigkeit von Kürzungen am sozialen Netz und der Pose, man sei der Retter der „vergessenen Leute“. Das ist nicht nur Heuchelei. Das ist eine Betrugstechnik: Man macht den Schmerz zur Ressource, aus der man Macht destilliert.
„Alligator Alcatraz“: Grausamkeit als Markenname
Nichts zeigt die neue Kultur so konzentriert wie der Zynismus, der sich bereits im Branding offenbart. „Alligator Alcatraz“ – ein Name, der klingt, als sei er für Merchandise erfunden. Das ist die ästhetische Innovation des Autoritären: Grausamkeit nicht mehr zu verstecken, sondern zu vermarkten. Abschreckung als Gag. Menschenwürde als Pointe.
Dass Gerichte, Behörden und Klagen darum ringen, während die Bilder längst wirken, ist Teil der Dynamik: Der Rechtsstaat prüft, die Show produziert. Aktuelle Berichte deuten auf erbitterte Auseinandersetzungen um Finanzierung, Umweltfragen und Rechtmäßigkeit rund um die Einrichtung hin – bis hin zu Vorwürfen, es seien relevante Informationen über Bundesmittel zurückgehalten worden.
Das ist keine Randnotiz. Es ist die Blaupause: Erst die Inszenierung, dann die Diskussion. Erst die Drohgebärde, dann die juristische Fußnote.
Die Botschaft ist doppelt: an die einen „Seht, wir können“, an die anderen „Seht, ihr könnt die Nächsten sein“. Angst wird nicht mehr als Kollateralschaden akzeptiert. Angst wird als Instrument benutzt. Wer Angst regiert, muss weniger überzeugen – er muss nur die Nervenlage steuern.
Project 2025: Der Umbau hat Methode
Das bequemste Missverständnis lautet: Das alles sei chaotisch, improvisiert, ein erratisches Temperament. 2026 spricht vieles dagegen. Denn es existiert eine offen publizierte Blaupause für den radikalen Umbau des Staates: Project 2025, veröffentlicht von der Heritage Foundation – samt „Mandate for Leadership“ und dem erklärten Anspruch, die Exekutive strukturell umzubauen.
Die Pointe ist bitter: Während sich die Bewegung als „Anti-Establishment“ inszeniert, arbeitet sie mit einem hochprofessionellen Establishment aus Denkfabriken, Personalnetzwerken und Machttechnikern. Es geht nicht darum, den Staat zu verkleinern, um Freiheit zu gewinnen. Es geht darum, ihn umzubauen, um Kontrolle zu gewinnen. Und dort, wo „Werkzeuge der Regierung“ in Waffen kippen, ist das keine Metapher: Wer Ermittlungen, Behörden, Gerichte und Personalpolitik strategisch dreht, kontrolliert nicht nur Entscheidungen – er kontrolliert, wovor Menschen Angst haben müssen.
Warum Europa das nicht als US-Drama abheften darf
Man kann all das sehen und zynisch werden: „Amerika eben.“ Europa kann sich diesen Luxus nicht leisten. Nicht, weil wir moralisch überlegen wären, sondern weil wir abhängig sind – wirtschaftlich, sicherheitspolitisch, technologisch. Wenn Außenpolitik zur persönlichen Buchhaltung schrumpft („mag ich / mag ich nicht“), wird Bündnispolitik zur Erpressbarkeit. Dann ist Kooperation kein Vertrag zwischen Demokratien mehr, sondern ein Verhältnis zwischen Launen und Angst.
Die kluge Empörung ist deshalb keine Pose, sondern eine Verteidigungshaltung. Empörung heißt hier: den Trick nicht akzeptieren, dass Lautstärke Wahrheit ersetzt; nicht hinnehmen, dass Religion als Lack über Machtgier gestrichen wird; nicht mitspielen, wenn Korruption als „Deal“ verharmlost und Grausamkeit als „Ordnung“ gelabelt wird. Und vor allem: nicht so tun, als sei das nur ein amerikanisches Phänomen. Es ist ein Exportprodukt – als Stil, als Meme, als Versuchung.
Vielleicht ist der entlarvendste Gedanke dieser Gegenwart ein Satz, den man nicht einmal laut aussprechen muss, um ihn überall zu sehen: In dieser Welt lautet die Antwort auf fast jede politische Frage Geld. Wenn das stimmt, dann entscheidet eine einzige Frage über den Charakter einer Gesellschaft: Was ist ein Mensch wert, wenn er nicht nützlich ist? 2026 ist die Auseinandersetzung darüber keine Theorie. Sie ist Alltag.
„Amerika ist zurück“ – ja. Zurück ist auch die uralte Versuchung, Demokratie für eine Bühne zu halten und Freiheit für ein Privileg der Lauten. Die Aufgabe jetzt ist, den Nebel zu benennen: Es ist kein Sturm, der da tobt. Es ist ein bewusst erzeugter Rauchvorhang. Und dahinter wird an den tragenden Balken gesägt – leise, systematisch, und oft unter Applaus.



