Entwicklungsländer leisten Innovationen in gesundheitlicher Forschungsarbeit!

Dr Ali Jacob Arsalan
Pediatric Cardiac ICU © Dr. Ali Jacob Arsalan (Own work). Lizenz: CC BY-SA 3.0

Wir leben in einem Zeitalter tragischer Gesundheitsparadoxe. Massenimpfungen, mittlerweile auch zurecht bei vielen umstritten, haben angeblich den Herd diverser Krankheiten ausgerottet, aber in Ländern wie Haiti und Bangladesch sterben Kinder noch immer an einfach zu behandelnden Krankheiten, die von bekannten Erregern ausgelöst werden. Die Globalisierung hat Millionen von Menschen aus extremer Armut befreit, sie aber gleichzeitig den nicht übertragbaren Krankheiten des post-industriellen Zeitalters ausgesetzt – von Diabetes bis Herz-Kreislauf-Erkrankungen – in Ländern, die keine Ressourcen für deren Behandlung haben. Diesem Paradox liegt ein weiteres zugrunde: Gesundheitsforschung wird überwiegend in den reichen Ländern betrieben, aber es werden hauptsächlich die Gesundheitssysteme von Ländern mit niedrigen und mittlerem Einkommensniveau belastet. Diese Zuordnung von Ressourcen ist höchst ineffizient – sogar unmoralisch – und verhindert die Entwicklung von Gesundheitslösungen für diejenigen, die sie am meisten benötigen.

Globale neue Entwicklungsproblematik

Natürlich wäre es möglich gewesen, die erste Generation der globalen Entwicklungsproblematik mit einem einfachen Transfer von Kapital und Lösungen von den reichen in die armen Länder zu begegnen. Beispiele dafür sind Programme zur Einschulung in Grundschulen, und im Bereich der Gesundheit mit schlichten Impfkampagnen. Aber die neue Generation von Entwicklungsproblemen, von der Bildungsqualität bis hin zu Kindersterblichkeit aufgrund von behandelbaren Krankheiten, wird nicht so einfach zu lösen sein. Sie erfordern den langfristigen Aufbau von Kapazitäten und Wissenstransfers von reiche in arme Länder, wobei die letztgenannten weitaus mehr Mittel für die Entwicklung von Lösungen benötigen.

Mit anderen Worten, der Fokus der globalen gesundheitspolitischen Strategien und Investitionen muss sich in Richtung Reduzierung der strukturellen Unterschiede zwischen reichen und armen Ländern bewegen, hinsichtlich ihrer Kapazität für medizinische Forschung und gesundheitspolitische Implikationen. Diese Mission, die Meinung vieler Wissenschaftler heute das Hauptziel von gesundheitspolitischen Anstrengungen sein sollte, würde Institutionen wie dem Internationalen Zentrum für die Erforschung von Durchfallerkrankungen (icddr,b – Global Health Research Institute) in Dhaka, Bangladesch, eine zentrale Rolle zuweisen.

Verbindung von Kompetenzen unter Führung von Spezialisten vor Ort

Zurzeit sind bei den meisten globalen Gesundheitsaktivitäten Forscher aus „entwickelten“ Ländern „Teamleader“ lokaler Teams in Entwicklungsländer. Das ist immerhin besser, als den Entwicklungsländern bereits existierende Lösungen aufzuerlegen, wie es während des Kalten Krieges geschehen ist, aber dieses ist nicht ausreichend. Medizinische Forschung und die Implementierung von politischen Maßnahmen in den Entwicklungsländern muss von Forschern und Spezialisten aus Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen geleitet werden. Von Menschen, die wissenschaftliche Kompetenz mit einer eingehenden Kenntnis der lokalen Gegebenheiten verbinden.

Wie wertvoll es ist, wenn Innovation von Entwicklungsländer selbst vorangetrieben wird, wurde in der Vergangenheit immer wieder bewiesen. In den letzten 15 Jahren haben wissenschaftliche Innovationen aus Entwicklungsländer erheblich zu den Erfolgen der Millenniumsziele der Vereinten Nationen beigetragen, besonders im Zusammenhang mit globaler Gesundheit. Auch die Beiträge vom „icddr,b“ sind allein schon ausreichend, um den Wert von Gesundheitsinnovationen aus Entwicklungsländern zu beweisen. Die Forscher des Instituts führen innovative und komplexe Wissenschaft durch, von klassischen klinischen und epidemiologischen Studien bis hin zu Versuchen im Bereich Verhaltensveränderung zur Reduzierung von Infektionskrankheiten – mit bemerkenswerten Ergebnissen.

Individuelle und einfache Lösungen

Beispielhaft für die Arbeit von „icddr,b“ steht eine orale Rehydrationslösung, eine einfache, ausgewogene Zucker- und Salzlösung, die Patienten verabreicht wird, die an Durchfallerkrankungen wie Cholera leiden. Diese Lösung, bei deren Entwicklung „icddr,b“ eine zentrale Rolle spielte, hat seit den 1960er Jahren dazu beigetragen, circa 40 Millionen Todesfälle zu verhindern und wurde von der Fachwelt als eine der wichtigsten medizinischen Erfindungen des zwanzigsten Jahrhunderts genannt. Vor kurzem wurde ein preisgünstiges System für einen kontinuierlichen positiven Atemwegsdruck entwickelt, das dazu beiträgt, dass die Luft während der Behandlung von schwerer Lungenentzündung kontinuierlich zirkuliert. Trevor Duke, Direktor am „Zentrum für Internationale Kindergesundheit“, am Königlichen Kinderkrankenhaus der Universität Melbourne war ebenfalls an diesem Projekt beteiligt.

Eine erstaunliche alternative Anwendung des „icddr,b“, die preisgünstige und leicht verfügbare Materialien wie Kunststoffschläuche und Shampooflaschen verwendet, ist nachweislich effektiver als die Standard-Sauerstoff-Therapie, die von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen wird. Aufgrund der Studienergebnisse implementierte das „ icddr,b-Krankenhaus“ in Dhaka, die neuen, preisgünstigen Geräte anstelle der Geräte, die von der WHO empfohlen werden, als Teil einer Standardtherapie für Kinder mit Lungenentzündung. Seitdem ist die Sterblichkeit in der betroffenen Patientengruppe von 21 Prozent auf 6 Prozent gesunken. Diese bemerkenswerten Erfolge gehen auf die Tatsache zurück, dass die Forscher bei „icddr,b“ – die meisten von ihnen wurden im Ausland ausgebildet – mit den Problemen, die sie lösen wollen, gut vertraut sind. Sie wissen, was es heißt, mit erheblichen und oft sogar unüberwindlichen Budgetzwängen zu kämpfen.

Entwicklungsagenda der Vereinten Nationen

Die 15jährige Millenniums-Entwicklungsziel-Erfahrung (MDG) hat das unleugbare Potenzial von Innovation in Entwicklungsländer bei der Verbesserung der öffentlichen Gesundheit verdeutlicht. Glücklicherweise haben sich die Staats- und Regierungschefs der Welt diese Lektion zu Herzen genommen, denn die nachhaltigen Entwicklungsziele und die ehrgeizige Entwicklungsagenda, welche die „UN“ im vergangenen September beschlossen hat, basieren auf der Idee der lokalen Verantwortung.

Aber trotz der ausdrücklichen Unterstützung für lokal geführte Forschung und Entwicklung sind die Hürden für die Innovation in Entwicklungsländer noch immer sehr hoch und müssen dringend beseitigt werden. Es überrascht nicht, dass die stärksten Beschränkungen fehlende Ressourcen sind, sowohl menschlich als auch finanziell. Um hier Abhilfe zu schaffen, müssen entwickelte und Entwicklungsländer nun zusammen arbeiten, um sicherzustellen, dass die Arbeit vor Ort zuverlässig und nachhaltig gefördert wird.

Mit der angemessenen Unterstützung durch lokale und internationale Finanzmechanismen können in armen Ländern mehr Innovationszentren wie „icddr,b“ entstehen und sich entwickeln. Durch die Förderung von Wissens- und Technologieaustausch könnten diese Knotenpunkte die Zusammenarbeit zwischen den Entwicklungsländern fördern und uns helfen die andauernden und tragischen Ungleichheiten zu überwinden, welche die globale Gesundheit plagen. Gesundheitsinnovationen, die in den armen Ländern der Welt entwickelt wurden, haben sich dort als skalierfähig und praktikabel erwiesen, wo sie am meisten gebraucht werden. Da die Mehrheit der Weltbevölkerung unter ressourcenarmen Umständen lebt, müssen wir die Anstrengungen derjenigen anerkennen, die die Grenzen der medizinischen Wissenschaft in der entwickelten Welt voranbringen und in diese investieren.

Quellen: Global Health Research Institute ICDDR,B (Dhaka, Bangla Desh), Clinical Research (ICU, Mohammod Jobayer Chisti, aus dem Englischen), United Nations, “Amref” (Flying Doctors), PATH, Wikipedia

Mangel an Toiletten: Die „Toilettenrevolution“!

Cows eating trash, Jaipur, India.
Cows eating trash, Jaipur, India. © Marcin Białek, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Politiker und Philanthropen sprechen oft über abstrakte, abgehobene Ideen wie Nachhaltigkeit und Transformation durch Dialog. Daher muss man Bill Gates und den indischen Premierminister Narenda Modi loben, weil sie sich einem viel mondäneren, aber nicht weniger wichtigen Thema widmen: Toiletten.

Förderung der Toilettentechnik durch die Gates-Stiftung

Die „Bill-und Melinda Gates-Stiftung“ will die Toilettentechnik an sich ändern, so dass Toiletten nicht von einer großen Infrastruktur wie einer Kanalisation und Kläranlagen abhängig sind. 2011 hat die Gates-Stiftung den Challenge „Reinvent the Toilet” – also die Toilette neu erfinden, ins Leben gerufen, wo Forschungsgelder für Wissenschaftler bereit gehalten werden, die

„auf der Grundlage von fundamentalen technischen Prozessen neue, innovative Ansätze für das sichere und nachhaltige Management von menschlichen Ausscheidungen entwickeln”.

Die Hoffnung dabei ist, dass die Toiletten des einundzwanzigsten Jahrhunderts menschliche Ausscheidungen in Energie, Dünger oder sogar Trinkwasser verwandeln.

Der Bau von Toiletten

Modi seinerseits hat erklärt, der Bau von Toiletten sei wichtiger als der von Tempeln. Er initiierte eine Kampagne, um die öffentliche Defäkation in Indien bis 2019 zu beenden, was mit dem 150. Geburtstag des Führers der indischen Unabhängigkeitsbewegung, Mahatma Gandhi, zusammenfällt. Um das zu erreichen, baut die Modi-Regierung schnell einfache sanitäre Anlagen und installiert Millionen Toiletten im ganzen Land, einschließlich mindestens einer in jeder Schule.

Indiens Anstrengungen ähneln denen seines größten Nachbarn, China, wo auch im ganzen Land Toiletten gebaut werden, insbesondere für die Tourismusbranche. Dieser Aktionismus wird bereits die „Toilettenrevolution” genannt. Laut der nationalen Touristenadministration Chinas wurden im vergangenen Jahr 14.320 Toiletten in der Nähe von Sehenswürdigkeiten gebaut, 7.689 Einrichtungen wurden modernisiert.

Mangel an Toiletten

Schwerwiegende Hygiene-Problematik

Es ist richtig, dass sich Politiker auf dieses Thema konzentrieren. Mangelnde Hygiene gehört zu den größten Entwicklungsbremsen: Obwohl zwei Milliarden Menschen in den vergangenen 25 Jahren Zugang zu grundlegenden und sicheren sanitären Anlagen erhalten haben, müssen 2,5 Milliarden Menschen, also die halbe Entwicklungswelt, noch immer ohne auskommen. Spültoiletten sind in reichen Ländern eine Selbstverständlichkeit, aber in Indien sind sie so selten, dass von der einen Milliarde Menschen weltweit, die öffentlich defäkieren müssen, 600 Millionen in Indien leben.

Das hat schwerwiegende gesundheitliche Folgen, insbesondere für Kinder. In Indien sterben fast 200.000 Kinder pro Jahr an chronischer Diarrhö, die auch mit Mangelernährung und verkümmertem Wachstum bei 43 Prozent der Kinder unter fünf Jahren in Verbindung gebracht wird. Kinder, die diesen Bedingungen ausgesetzt sind, sind auch besonders anfällig für opportunistische Infektionen wie Lungenentzündung und sogar Polio. Diese Zahlen sind für Indien viel höher als für andere Länder mit ähnlichem Einkommensniveau, aber besseren sanitären Bedingungen.

Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit und Aufklärung

Frauen leiden unverhältnismäßig unter dem Mangel an Toiletten, weil es die grundlegenden Regeln der Privatsphäre vorschreiben, dass sie ihre Notdurft erst nach Eintreten der Dunkelheit verrichten dürfen, wenn das Risiko, überfallen zu werden oder sich zufällig zu verletzen, besonders hoch ist. Der Schaden für die öffentliche Gesundheit aufgrund mangelnder Hygiene beschränkt die wirtschaftliche Entwicklung, weil sie dazu führt, dass Arbeitnehmer weniger produzieren, sparen und investieren und früher sterben. Laut einer Schätzung der Weltbank belaufen sich die Kosten mangelnder Hygiene pro Jahr weltweit auf 260 Millionen US-Dollar, davon fallen allein auf Indien fast 54 US-Dollar (6,4 Prozent des indischen Bruttoinlandsprodukts).

Diese Berechnungen beruhen auf den letzten zur Verfügung stehenden Zahlen aus dem Jahre 2006, so dass die Situation jetzt, 10 Jahre später, noch viel gravierender sein dürfte. Es gibt keine schnelle Lösung für dieses Problem. Selbst wenn mehr Toiletten zur Verfügung stehen, brauchen die Menschen Zeit, um neue sanitäre Gewohnheiten anzunehmen. Aus diesem Grund haben Nichtregierungsorganisationen wie „WaterAid“ in den Schulen und in den Medien mehr Bildung gefordert, um die Gesundheits-, Sicherheits- und Wirtschaftsvorteile einer besseren Hygiene zu erklären.

Ökonomische Entwicklung

Das weist auf eine zusätzliche Herausforderung hin: Kosten. In den kommenden 15 Jahren werden drei Milliarden Menschen mehr Zugang zu grundlegenden sanitären Anlagen brauchen, das wird laut einer Schätzung des Entwicklungsökonomen Guy Hutton etwa 33 Milliarden US-Dollar pro Jahr kosten. Huttons Schätzung ist Teil einer Analyse der nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen zum Thema Wasser und Hygiene, die er für das „Copenhagen Consensus Center“ durchgeführt hat. Im Rahmen der nachhaltigen Entwicklungsziele haben die Vereinten Nationen 169 Ziele verabschiedet, die dieses Jahr in Kraft treten. Schon allein das Ausmaß der neuen Benchmarks löst bei Entwicklungsorganisationen und Geberregierungen Kopfzerbrechen aus, also hat „Copenhagen Consensus“ Ökonomen beauftragt, die Ziele zu prüfen und zu priorisieren.

Investitionschancen und sozialer Nutzen von Toiletten

Mit einer Investition von 33 Milliarden US-Dollar würden drei Milliarden Menschen mehr Zugang zu der heutigen niedrigpreisigen WC-Technologie erhalten – Toiletten ohne Spülung im ländlichen Raum und Spültoiletten, die mit einem septischen Tank verbunden sind, im städtischen Raum. Die Rendite der Investition in die sozialen Leistungen würde jedes Jahr 94 Milliarden US-Dollar ausmachen. Das entspricht fast drei US-Dollar pro ausgegebenen Dollar. Diese Schätzungen beinhalten wirtschaftliche und gesundheitliche Einsparungen aufgrund einer erhöhten Produktivität der Arbeitskräfte und vermiedenen Fällen chronischer Diarrhö und anderer Krankheiten. Der wahre Nutzen wäre wahrscheinlich noch größer, wenn man die damit in Zusammenhang stehenden Verbesserungen für die Umwelt und die schulischen Leistungen der Kinder mit einbeziehen würde.

Man muss auch bedenken, dass das Geld, welches man für die Verbesserung der Hygiene ausgibt – betrachtet als Sozialleistungen pro investierten Dollar – vielleicht sogar noch sinnvoller angelegt werden könnte. Zum beispiel, wenn man es für den Kampf gegen die Tuberkulose oder für die Verallgemeinerung des Zugangs zur Familienplanung einsetzen würde. Generell haben die sanitären Projekte Vorrang, daher müssen die Gelder zuerst dort eingesetzt werden, um die größte Wirkung zu erzielen. Ein einfacher Schritt wäre, sich auf die Eliminierung der öffentlichen Defäkation im ländlichen Raum zu konzentrieren und dort gemeinschaftliche Toiletten zu installieren. Das würde nur etwa 14 Milliarden US-Dollar kosten und soziale Leistungen von sechs US-Dollar pro investierten Dollar einbringen.

Fazit

Vor einer Generation haben Politiker und Philanthropen nicht über Toiletten gesprochen und sie schon gar nicht ins Zentrum ihrer Entwicklungsarbeit gestellt. Die Tatsache, dass Modi und Gates genau das getan haben, ist an sich bereits eine Leistung. Aber es liegt noch viel Arbeit vor uns, und wir dürfen die Zahlen nicht aus den Augen verlieren, wenn wir die knappen Ressourcen zur Investition in Entwicklung einsetzen. Nur, indem wir die Kosten und Nutzen sorgfältig abwägen, können wir es verhindern, gutes Geld nicht aus dem Fenster zu werfen.

Quellen

„WaterAid“, Guy Hutton, Gatesfoundation, United Nations, Copenhagen Consenus Center (Björn Lomborg, aus dem Englischen), Wikipedia

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