Wenn Du auf die Nachrichten schaust, wirkt die Welt oft wie ein Körper voller offener Wunden. Der Krieg in der Ukraine, die Verwüstung in Gaza, dazu zahllose Konflikte, die kaum Schlagzeilen bekommen. Inmitten dieser Bilder von Ruinen, Hunger und Trauer taucht immer wieder dieselbe Forderung auf: mehr Waffen, härtere Antworten, stärkere Abschreckung. Die Idee, keine Waffenlieferungen mehr zuzulassen, klingt in diesem Klima für viele fast naiv. Und doch beginnt genau hier eine entscheidende Frage: Helfen Waffen wirklich, oder verlängern sie nur das Sterben?
Wenn wir den „Guten“ Waffen geben – das verführerische Narrativ
Stell Dir vor, in Deiner Nachbarschaft eskaliert ein Konflikt. Eine Familie wird bedroht, verletzt, in Angst gehalten. Du fühlst Dich ihnen verbunden, vielleicht kennst Du die Kinder beim Namen. Ganz in der Nähe lebt die Familie, von der die Gewalt ausgeht. Instinktiv entstehen zwei Impulse: Du willst die Opfer schützen – und Du willst, dass die Täter gestoppt werden.
In dieser inneren Not klingt die Idee, „den Guten“ Waffen zu geben, erstaunlich logisch. Wenn sie sich wehren können, so die Hoffnung, wird das Unrecht gebremst. Genau dieses Muster wird auf Staaten übertragen: Wer unsere Werte teilt, soll Panzer, Raketen, Drohnen bekommen. Wer als Aggressor gilt, soll militärisch „zurückgedrängt“ werden. So entsteht eine emotionale Erzählung, in der keine Waffenlieferungen wie Verrat wirken: als würde man die Schwächeren im Stich lassen.
Doch sobald man einen Schritt zurücktritt, zeigt sich eine unbequeme Wahrheit: Eine Waffe verschwindet nicht, wenn sie ihren „Zweck“ erfüllt hat. Sie bleibt da, sie hinterlässt Tote, Traumata, Vergeltungsfantasien. Jede gelieferte Waffe schreibt sich in Biografien ein – auf beiden Seiten.
Feuer, das nicht ausgehen darf: Wie Waffen Kriege verlängern
Krieg lässt sich mit einem Feuer vergleichen, das Holz frisst. Solange Nachschub kommt, brennt es weiter, frisst sich in Mauern und Körper, in Familien und ganze Gesellschaften. Keine Waffenlieferungen zu beschließen, bedeutet nicht, die Vergangenheit zu beschönigen. Es bedeutet, das Holz zur Neige gehen zu lassen.
In klassischen Kriegen war irgendwann einfach Schluss, weil die Ressourcen fehlten. Heute halten moderne Lieferketten das Feuer künstlich am Leben: Präzisionsmunition, Drohnenschwärme, weitreichende Raketen. Wenn Staaten, die weit entfernt vom eigentlichen Schlachtfeld sitzen, kontinuierlich Waffen liefern, verlängern sie den Krieg – oft in dem Glauben, ihn zu verkürzen.
Im Fall der Ukraine kommt noch eine andere Dimension hinzu. Russland und die USA besitzen den Großteil der Atomwaffen dieses Planeten. Ihre gesamte Sicherheitslogik beruht darauf, dass beide Seiten jederzeit zurückschlagen können. Werden Systeme angegriffen, die Teil dieser nuklearen Abschreckung sind, rückt die Welt unmerklich näher an eine Grenze, an der kein Fehler mehr zurückgenommen werden kann. Jede zusätzliche Eskalationsstufe erhöht dieses Risiko. Keine Waffenlieferungen sind deshalb nicht nur ein moralischer, sondern auch ein nüchterner sicherheitspolitischer Standpunkt: weniger Zündstoff in einem Magazin, das längst übervoll ist.
Neutralität ist kein Wegschauen – wenn sie wirklich neutral ist
Häufig wird gegen Neutralität eingewandt, sie sei moralisch feige. Wer „neutral“ bleibt, während anderswo gefoltert, vertrieben oder bombardiert wird, mache sich mitschuldig. Das Beispiel misshandelter Kinder in der Nachbarschaft drängt sich auf: Würde man hier sagen, man sei neutral, wäre das nichts anderes als ein Verrat an den Schwächsten.
Doch Neutralität von Staaten meint etwas anderes als emotionale Gleichgültigkeit. Nein zu sagen zu einem militärischen Bündnis, nein zu Wirtschaftskriegen und nein zu Waffenexporten heißt nicht: Wir haben zu nichts eine Haltung. Es heißt: Wir verschaffen uns die Freiheit, für Gespräche, Verhandlungen und humanitäre Hilfe glaubwürdig zur Verfügung zu stehen.
Eine echte Neutralität darf nie stumm sein. Sie kann öffentlich benennen, wenn Hunger als Waffe eingesetzt wird, wenn zivile Infrastruktur gezielt zerstört wird, wenn ein Krieg aus dem Ruder läuft. Aber sie verweigert sich der Logik: „Wenn wir nicht liefern, liefern andere – also müssen wir auch.“ Keine Waffenlieferungen sind in diesem Sinn keine Einladung zum Wegschauen, sondern der Versuch, wenigstens an einer Stelle den Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt zu durchbrechen.
Neutralität wird destruktiv, wenn sie nur im Kopf existiert und sich im Handeln nicht niederschlägt. Konstruktiv wird sie, wenn ein Land bewusst keine Waffen liefert, dafür aber Räume, in denen verhandelt werden kann. Wenn es statt Bomben Therapien finanziert, statt Raketen Brücken für Verständigung baut. Neutralität ist dann kein moralischer Rückzug, sondern ein aktiver Beitrag zum Frieden.
Krieg als Trauma-Schleife – und was das mit uns zu tun hat
Ein Bild aus der Traumaforschung hilft, die Dynamik hinter vielen Kriegen zu verstehen. Wird ein Kind über Jahre von den eigenen Eltern geschlagen, könnte man meinen, es würde später alles daran setzen, Gewalt zu vermeiden. Oft passiert das Gegenteil. Was nicht verarbeitet wird, kehrt in gespaltener Form zurück: aus dem Opfer wird Täter, aus erlebter Ohnmacht ein gefährlicher Hunger nach Kontrolle.
Im Verhältnis zwischen Israel und Palästina, aber auch in vielen anderen Konflikten, wirkt genau diese Logik. Auf der einen Seite der Abgrund des Holocaust, die Erfahrung existenzieller Bedrohung und Vernichtung. Auf der anderen Seite die Erfahrung von Vertreibung, Besatzung, Erniedrigung. Aus diesen traumatischen Landschaften entstehen leicht Bewegungen, die sich im Recht fühlen, alles zu tun, „damit das nie wieder passiert“. Wenn diese Angst auf Waffen trifft, potenziert sich das Zerstörungspotenzial.
Doch es gibt andere Geschichten. Eltern, die im Terror ihr Kind verlieren und sich später mit Eltern der vermeintlichen Gegenseite treffen, die dasselbe Schicksal erlitten haben. Menschen, die merken, dass ihr Schmerz sich nicht dadurch verkleinert, dass irgendwo ein weiteres Kind stirbt. In solchen Begegnungen taucht für einen Moment das auf, wovon so oft abstrakt die Rede ist: die Menschheitsfamilie.
Wenn wir uns als Menschheitsfamilie verstehen, wird der Satz keine Waffenlieferungen plötzlich sehr konkret. Er bedeutet: Wir sind nicht bereit, andere Teile dieses Organismus mit Material zu versorgen, das garantiert neue Narben schlagen wird. Wir akzeptieren nicht, dass zwei Millionen Menschen ausgehungert werden, egal, in welcher Erzählung das als „notwendig“ verkauft wird. Wir glauben nicht mehr daran, dass es „unsere“ Toten und „eure“ Toten gibt.
Was Du tun kannst, wenn Du „nur“ eine Einzelperson bist
Vielleicht fragst Du Dich, was all das in Deinem Alltag verändert. Du sitzt nicht am Kabinettstisch, unterschreibst keine Rüstungsexporte und befehligst keine Armeen. Und doch beginnt jede politische Kultur in den inneren Haltungen der Menschen, die sie tragen.
Du kannst Dich klar dafür aussprechen, dass es keine Waffenlieferungen in Kriegsgebiete geben sollte – im Gespräch, an der Wahlurne, in den Organisationen, denen Du Deine Unterstützung schenkst. Was noch sinnvoller wäre: Du kannst aufhören, Menschen aufgrund ihrer Nationalität, Religion oder politischen Zuordnung zu entmenschlichen. Du kannst aufmerksam werden für Sprache, die andere zu Feinden, zu „denen“ macht, mit denen „man nur noch in ihrer eigenen Währung reden kann“.
Und Du kannst im Kleinen anfangen, das zu tun, was auf großer Bühne fast nie passiert: zuhören, nach dem Schmerz hinter der Wut fragen, Grenzen setzen, ohne den anderen aus der Menschheitsfamilie zu stoßen. Vielleicht ist das der unscheinbare Beginn einer neuen Form von Neutralität – einer Neutralität, die nicht kalt ist, sondern klar. Einer Neutralität, die sich traut zu sagen: Ich will, dass dieser Planet bewohnbar bleibt. Und genau darum stehe ich dafür, dass wir keine Waffenlieferungen mehr zu einer normalen politischen Option machen.



