KI Illusion der Beherrschbarkeit. Künstliche Intelligenz polarisiert. Die einen erwarten Produktivitätsschübe, Vereinfachungen im Alltag und völlig neue Möglichkeiten. Die anderen befürchten Kontrollverlust, Jobvernichtung – bis hin zum Szenario einer Maschine mit eigenem Willen. Ich nähere mich dem Thema mit doppelter Perspektive: als ehemaliger Wissenschaftler, der an den mathematischen Verfahren hinter „KI“ gearbeitet hat, und als Beobachter eines Diskurses, in dem Erwartungen und Ängste oft aneinander vorbeireden.
Was heißt eigentlich „Künstliche Intelligenz“?
Bevor wir über Nutzen und Risiken sprechen, müssen wir klären, was der Begriff sinnvollerweise bedeuten kann. Historisch war „Intelligenz“ in der Informatik ein gleitendes Etikett: In den frühen Tagen galt fast jede Computerleistung als „intelligent“ – man sprach vom Elektronenhirn. Später rückten komplexe Denkaufgaben wie Schach in den Fokus. Und wiederum später zeigte sich: Nicht das Rechnen, sondern Wahrnehmen ist das wirklich Schwierige. Sehen, Hören, das Herauslösen von Objekten vor Hintergrund – all das, was wir für selbstverständlich halten, entpuppte sich für digitale Maschinen als zähes Terrain.
Wie aktuelle Systeme wirklich arbeiten
Die sichtbaren Fortschritte der letzten Jahre beruhen weniger auf einem magischen Durchbruch als auf drei Zutaten: verfeinerte mathematische Modelle, sehr viel Daten und Rechenzentren, die diese Modelle mit Millionen Parametern „anlernen“. Dieses „Lernen“ ist kein Verstehen. Es ist ein automatisiertes Anpassen von Parametern, damit die Ausgaben zu vorgegebenen Beispielen passen. Was „gut“ ist, definiert der Mensch, nicht die Maschine.
Der populäre Begriff „Neuronales Netz“ klingt nach Gehirn und Bewusstsein, bezeichnet aber im Kern ein Verfahren, das eine bestimmte Art von Funktion an Daten anlegt. Die biologischen Vorbilder dienten als lose Inspiration; die Modellierung selbst ist eine starke Abstraktion. Das Erstaunen, das solche Begriffe auslösen, gehört eher zum Marketing als zur Methodik.
Panzer, Schönwetter und trainierte Hunde?
Ein Professor, bei dem ein Bekannter studiert hatte, entwickelte zu Zeiten des Kalten Krieges ein Bilderkennungsverfahren, das anrollende Panzer melden sollte. Nach dem Training löste das System regelmäßig Fehlalarme aus. Die Ursache: In den Trainingsbildern mit Panzern war – zufällig – fast immer schönes Wetter, blauer Himmel, strahlende Sonne. Das System hatte gelernt, gutes Wetter als „Gefahr“ zu deuten. Die Pointe ist doppelt: Erstens „weiß“ die Maschine nicht, was sie tut; sie koppelt Muster blind, ohne Weltverständnis. Zweitens ist ihr Verhalten in der Praxis nicht präzise vorhersehbar – nicht, weil Computer mystisch wären, sondern weil bei komplexen Eingaben die Kombinatorik jede vollständige Vorausschau sprengt.
Man hätte an einem Stützpunkt auch Hunde trainieren können, auf dieselben Reizbündel anzuschlagen. Hunde verfügen über feinste Sensorik und lernen assoziativ – genau wie die beschriebenen Modelle. Warum also eine Maschine? Ein Grund ist psychologisch: Digitale Automaten wirken beherrschbar. Formal liefern sie bei gleicher Eingabe die gleiche Ausgabe und lassen sich abschalten. Doch sobald wir „Lernen“ einbauen, erben wir eine zentrale Eigenschaft des Lebendigen: Unvorhersehbarkeit. Das System kann – wie der Hund – auf Merkmale anspringen, die niemand intendiert hat.
Damit stehen wir praktisch vor demselben Dilemma wie mit jedem Organismus: Wir können konditionieren, testen, Grenzen setzen – garantieren können wir das gewünschte Verhalten nicht.
Was wir wirklich fürchten
Im öffentlichen Diskurs wird oft unterstellt, das Gefährliche an KI sei die Aussicht, Maschinen könnten Bewusstsein entwickeln und eigensinnig handeln. Die Realität ist prosaischer – und näher: Die Risiken entstehen gerade daraus, dass aktuelle Systeme ohne Bewusstsein lernen, also unbewusst assoziieren, konditionieren und dabei Strukturen aus Daten übernehmen, die wir nicht vollständig überblicken. Sie sind nützlich, eindrucksvoll, manchmal verblüffend – und doch bleiben sie fundamental beschränkt: Es gibt kein Verstehen, keine Intentionalität, kein Weltwissen jenseits der gelernten Muster.
Worum es jetzt geht
Sinnvoller Umgang mit KI bedeutet deshalb: Begriffe entzaubern, Fähigkeiten präzise benennen, Einsatzgrenzen akzeptieren und Verantwortung beim Menschen belassen. Statt Mythen von Superintelligenz oder Verheißungen totaler Automatisierung brauchen wir eine nüchterne Metaperspektive: Wo hilft Mustererkennung wirklich? Wo verführt sie uns zu Scheinpräzision? Und wo projizieren wir unsere Angst vor Unbeherrschbarkeit auf Maschinen, die schlicht das Unbewusste des Lernens nachahmen?
Wenn wir diese Fragen ehrlich stellen, wird der Raum zwischen Hoffnung und Angst kleiner – und der Spielraum für kluge, menschliche Entscheidungen größer.



