Die heilende Stille in der Wüste

Wüste in Marokko
Wüste in Marokko © Solarmichel

In der Silvesternacht 2015/2016 saß ich in der Wüste Marokkos an einem wunderschönen Aussichtsplatz in den hohen Bergen der östlichen Ausläufer des Atlas-Gebirges. Diese Nacht nahe am “Cirque de Jaffar” war fantastisch klar und die Sterne funkelten zu abertausenden am tiefschwarzen Himmel. Wenn man eine Weile zum Himmel aufschaute war es wirklich so, als würde man ins Weltall hineinfallen. Zeit und Raum schienen hier ganz andere Dimensionen zu kennen. Mein Lagerfeuer war schon abgebrannt, doch die Glut leuchtete noch in einem wohligen Rot und wärmte mich und meine Beine. Es war so still, eine Stille in der man noch kilometerweit etwas hören konnte. So still und so dunkel ist es in Europa schon lange nicht mehr, unsere Zuvielisation hat sich dort schon viel zu breit gemacht.

Die gruselige Normalität des atomaren Schreckens

Dann plötzlich: Ein kurzer Lichtblitz am östlichen Horizont, den ich nur kurz aus den Augenwinkeln wahrnahm. Ich schreckte aus meinen nächtlichen Gedanken. Was war denn das? War es nur ein falscher Nervenimpuls von meiner Netzhaut, oder vielleicht ein weit entferntes Wetterleuchten, oder ein Feuerwerkskörper in der nächsten Stadt? Oder explodierte vielleicht gerade irgendwo auf der Welt eine Atombombe, und die Atmosphäre spiegelte den Lichtblitz durch die tiefe Dunkelheit dieser Nacht?

Mädchen auf dem Land schaut zu einer explodierenden Atombombe

In meinem Kopf ratterte es. Ich war hier im Urlaub und hatte schon 2 Wochen keine Nachrichten mehr gehört. Mein Handy hatte schon ewig keinen Empfang mehr gehabt. Wir waren komplett abgeschnitten, die Wüste hatte uns vollständig aufgesaugt. Nur noch unser Auto, vollgestopft mit Essen und mit genügend Diesel im Tank, stellte den letzten seidenen Faden dar, der uns noch mit der modernen Welt verband. Wer weiß was in der Welt inzwischen geschehen war?

Ich befand mich in einem muslimischen Land, auch noch in Afrika, auf einem anderen Kontinent. Was wenn tatsächlich ganz plötzlich ein Krieg ausgebrochen wäre? Waren die Grenzen vielleicht schon alle geschlossen worden? Saßen wir hier schon fest? Und ich saß hier seelenruhig und würde davon nichts weiter mitbekommen, als dieser kurze Lichtblitz eben, gerade lang genug um ihn überhaupt wahrzunehmen. Ich dachte darüber nach, dass uns eine solche atomare Hiobsbotschaft heutzutage schon gar nicht mehr verwundern und erschrecken würde. Welch traurige Bilanz unserer, ach so modernen, Zeit und unserer kriegerischen Spezies!

Befinden wir uns schon am Ende der Politik?

Bronze-Skulptur "Denkpartner" von Hans-Jörg Limbach, 1980, aufgestellt vor dem Friedrichsbau in Stuttgart
Bronze-Skulptur “Denkpartner” von Hans-Jörg Limbach, 1980, aufgestellt vor dem Friedrichsbau in Stuttgart © Andreas Praefcke, Lizenz: CC BY 3.0
Ich kam mal wieder schwer ins Grübeln: Trotz all dem sogenannten Fortschritt, köcheln die Krisenherde auf der Erde beständig vor sich hin. Kriege und Hass schwelen überall auf unserem Planeten. So brandheiß wie die Glut meines Lagerfeuers direkt vor meinen Füßen. Regelmäßig bricht hier und dort ein kleiner Krieg aus, große Flüchtlingsströme von Heimatlosen ziehen verzweifelt durch die Welt. Noch immer hat die Menschheit keine Lösung gefunden, um die alten Ketten von Leid und Gewalt durchbrechen zu können. Man muss wohl sagen, dass die Politik, die Moral und auch der Verstand bisher wohl gründlich versagt hat.

Doch in dieser endlosen Zeitlosigkeit, die in der Wüste immer um einen herum ist, erscheint einem all das nur noch wie eine kurze Randerscheinung. Dieser blaue Planet ist schon so unermesslich alt. Wäre seine gesamte Geschichte 24 Stunden lang, gäbe es unsere Spezies gerade mal nur 5 Sekunden!

Der Mensch ist das gefährlichste Raubtier aller Zeiten

Menschlicher Körper: Frau und Mann, von vorne und hinten betrachtetWir haben uns hier in nur ein paar tausend Jahren so stark vermehrt, dass wir heute schon 30% der lebendigen Masse an Säugetieren ausmachen. Und unser Hunger auf Fleisch scheint unermesslich, denn weitere 65% entfallen auf all unsere Nutztiere, die uns Menschen als fleischliche Nahrung dienen, und welche übrigens endlos viele Agrarflächen für Futtermittel beanspruchen. Nur 5% gehen heute noch auf unsere Ur-Ahnen, die Wildtiere!

Wir dominieren diesen Planeten auch noch gar nicht so lange, vor nur 300 Jahren gab es gerade mal nur 500 Millionen von uns auf diesem Planeten, so viele wie heute allein nur in Europa. Wir verkleistern die Erde unaufhörlich mit Beton und Asphalt, wir zerstören und vergiften Lebensräume, wir machen überall entsetzlichen Lärm, Gestank und erzeugen gefährlichen Müll. Schon oft stellte ich mir vor wie wohl die Tiere uns Menschen wahrnehmen?

Ohne die Stille werden wir noch alle verrückt!

Roter Ruhe Knopf - Red Silence Button
© Shawn Rossi, Lizenz: CC BY 2.0

Ich erkannte in diesem Urlaub, dass mir der Lärm in Europa vor allem dann so unerträglich wird, wenn es keine wirklich tiefe Stille mehr dazwischen gibt. Die Unterbrechungen durch den Lärm von all unseren Machenschaften reichen sich oft schon die Hand. Doch solange es noch Momente der Stille gibt, ist das alles für mich noch irgendwie erträglich.

Es ist dann so, dass man den Boden unter den Füßen noch spüren kann. Doch wenn einmal alle Stille ausgemerzt ist, wie es oft in den Städten geschieht, dann verliere ich schnell diesen Boden in mir. Dann reißt mich der Strom der Geräusche davon und ich verliere leicht den Ruhepol in mir. Ich verirre mich dann leicht etwas orientierungslos in meinen Gedanken, in den vielen Ideen meines Verstandes und in all den unnötigen Notwendigkeiten unseres modernen Lebens.

Die Stille ist nun mal die Grundlage aller Geräusche. Und nur die Stille kann mich wahrlich zu mir selbst zurückholen. Erst wenn ich den Boden der Stille in mir wieder fühle, erkenne ich mich selbst und meinen wahren Standort. Dann erkenne ich auch wie unbedeutend und klein, und wie verletzlich und sterblich ich in Wahrheit doch bin. Jedes Leben ist ja nur wie ein zartes Pflänzlein, das nur dann gesund gedeihen kann, wenn die allerbesten Bedingungen gegeben sind. Ohne all diese optimalen Bedingungen um uns, die uns dieser Planet immer so bedingungslos schenkt, sind wir ein Nichts. Und die Menschheit tut scheinbar alles dafür, um sich dieser Bedingungen so schnell wie möglich zu entledigen. Und irgendwie kann ich das jetzt endlich verstehen und annehmen. Wir wollen es nicht anders, ich glaube wir alle wollen im Grunde so gar nicht weiterleben!

Die Wüste als Lehrer für die Stille in uns

Frau am meditierenIch wuchs in Leonberg auf, nahe beim Autobahndreieck Stuttgart. Der ununterbrochene Lärm dort war ein wichtiger Faktor wieso ich von dort fort musste. Mit 19 war ich das erste Mal in Afrika, und eine tiefe Sehnsucht nach der Wüste entflammte damals in meiner Seele. Immer wieder musste ich im Laufe meines Lebens in die Wüste zurück kehren, diese köstliche Stille und die Zeitlosigkeit dort zog mich immer wieder in ihren Bann, und ich vermisste sie von dem Tag an, als ich sie das erste Mal erlebte.

Erst als ich 2006 einmal mit meinem Vater und einer schrecklich quasseligen Reisegruppe in der ältesten Wüste der Erde war, der Wüste Namib, entdeckte ich dort die Wüste in mir selbst. Umgeben von dieser köstlichen Stille, und doch von ihr abgeschnitten, durch das unaufhörliche Geplapper um mich herum, konnte ich diese Stille dann endlich auch in mir drinnen hören. Ich hatte endlich diesen Boden gefunden, auf dem ich mich, wo auch immer ich war, durch Meditation von all dem Lärm unserer Zuvielisation ausruhen konnte. Seit her sind meine Besuche in der Wüste keine Notwendigkeit mehr, sondern nur noch der köstlichste Luxus den ich mir überhaupt vorstellen kann.

Der Tod und die Zeitlosigkeit

Nachthimmel mit weiblicher SilhouetteAuch der Zeitlosigkeit sollte ich noch einmal in mir selbst begegnen. Dies geschah bei einem Nahtoderlebnis das ich 2012 hatte, ausgelöst durch ein Guillain Barre Syndrom. Ich erkannte dabei den Ursprung allen Seins und mir offenbarten sich tiefe Einblicke in das Wesen einer völlig zeitlosen Realität, bei der meine bisherige Auffassung von Realität nur noch verblassen konnte.

Seither habe ich keine Angst mehr vor dem Tod und kann diese hartnäckige Trennung von ich und du nur noch als eine Metapher begreifen. In Anbetracht der Ewigkeit sind all unsere Probleme ja kaum noch von Bedeutung. Alle Widrigkeiten fügen sich ein in ein endloses Band von allen Möglichkeiten, die im Großen betrachtet keinerlei Wichtigkeit mehr besitzen. Hier zählt nur noch das Dasein selbst, welches die Ewigkeit für immer durchwirkt und sie verblüffender Weise sogar erzeugt.

Die Wüste ist ein wirklich guter Lehrer

Ich kann die Wüste jedem nur wärmstens weiterempfehlen. Sie zeigt uns auch deutlich, wie weit wir Menschen uns von unser guten Mutter-Erde schon entfernt haben. Unsere Gedanken und unsere Probleme kreisen meist unaufhörlich um recht künstliche, abstrakte oder virtuelle Dinge. Und doch können wir nicht mehr zurück. Doch wir können lernen zu erkennen, das wir uns in unserem eigenen Dunst verloren haben. Es geht darum aufzuwachen und zu begreifen, dass nicht unsere Wünsche und all die materiellen Dinge um uns wichtig sind, sondern im Grunde nur unser Dasein und wir selbst.

Erst wenn wir erkennen, dass diese vermeintliche Trennung gar nicht existiert, werden wir damit aufhören unsere Mutter-Erde so schlecht zu behandeln wie wir es bis heute tun. Denn wir stecken kollektiv gesehen vermutlich immer noch in der Rebellionsphase eines Teenagers, der sich brutal gegen seine Eltern auflehnt. Wir müssen endlich erwachsen werden, und unsere Wut im Zaun halten, und begreifen dass alles Leben hier nur weiterleben kann, wenn wir alle friedlich miteinander zu leben gelernt haben.

Solarmichel 01/2016

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